{"id":1315,"date":"2017-09-19T16:02:35","date_gmt":"2017-09-19T14:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/?p=1315"},"modified":"2020-11-19T14:09:09","modified_gmt":"2020-11-19T13:09:09","slug":"eine-freiwillige-berichtet-von-ihrem-erlebnisreichen-jahr-in-den-peruanischen-anden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/2017\/09\/eine-freiwillige-berichtet-von-ihrem-erlebnisreichen-jahr-in-den-peruanischen-anden\/","title":{"rendered":"Eine Freiwillige berichtet von ihrem erlebnisreichen Jahr in den peruanischen Anden (Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Eva Carbonero Happel verbrachte als Freiwillige ein Jahr in einem Altenheim in Cusco\/ <a href=\"https:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/laender-und-termine\/peru\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Peru<\/a>. Am Ende der Zeit erstellt jeder Freiwillige einen <a href=\"https:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/2017\/02\/freiwilligenjahr-im-altersheim-im-peruanischen-cusco\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bericht<\/a> \u00fcber die soziale Arbeit, die Ereignisse \u2013 positive wie negative \u2013 und das Leben in einem anderen Land. F\u00fcr Eva Carbonero Happel eine gute Gelegenheit, das Erlebte Revue passieren zu lassen.<!--more-->Ein Jahr ist wirklich regelrecht verflogen&#8230;Und es scheint so, als ob auch leider f\u00fcr mich dieses Sprichwort wahr wird: Man soll gehen, wenn&#8217;s am sch\u00f6nsten ist. Es war ein unheimlich spannendes, lehrreiches, manchmal nat\u00fcrlich auch ein etwas schwieriges Jahr. Wenn ich zur\u00fcckblicke, dann habe ich in diesem Jahr viel gemacht: K\u00fcchenhelfer, Pfleger, Putzfrau, Zuh\u00f6rer, Kellner, Metzger, Physiotherapeut, Bauer, Gespr\u00e4chspartner u.v.m. Die Arbeit in einem Altenheim kann wesentlich vielf\u00e4ltiger sein, als man sie sich vorstellt, als ich sie mir am Anfang vorgestellt habe. Ich war am Anfang sehr kritisch: Soll ich echt ein Jahr ins Altenheim gehen? Kann ich das? Ich bin extrem froh, dass ich mich f\u00fcr \u201eeinfach mal versuchen\u201c entschieden habe. Bevor ich beginne: Es ist einfach unm\u00f6glich, so ein Jahr in einem Bericht auch nur ansatzweise vollst\u00e4ndig zusammenzufassen. Aber hier kommt mein Versuch.<\/p>\n<p>Wir haben so viele neue Leute und die Stadt kennengelernt, einen Quechua-Kurs absolviert, das erste Mal in einer WG mit Gleichaltrigen<br \/>\ngelebt. Und obwohl es f\u00fcr mich hier nicht mein erster Besuch war, war trotzdem alles ziemlich neu. Cusco ist einfach ganz anders als die Hauptstadt Lima, wesentlich traditioneller. Die bunten M\u00e4rkte, die kleinen tiendas (L\u00e4den) an jeder Ecke, die in vielen Vierteln eher \u00e4rmlichen Lehmh\u00e4user, die Frauen mit ihren Babys in T\u00fcchern auf dem R\u00fccken, die Busse, das st\u00e4ndige Verkehrschaos, die st\u00e4ndige Musikberieselung, die Feiern und Umz\u00fcge auf den Stra\u00dfen, die entspannte Lebensweise, die Fr\u00f6hlichkeit und Aufgeschlossenheit der<br \/>\nMenschen, die Essensst\u00e4nde mit Anticuchos (Rinderherzen am Spie\u00df), Churros und frisch gepresstem Orangensaft, durch die man sich<br \/>\nnach Herzenslust durchfuttern kann. Dinge, die ich in Deutschland sehr vermissen werde.<\/p>\n<p>Der Start im Altenheim lief nicht ganz so optimal. Wir wurden dort hingebracht und \u201eabgeliefert&#8220; nach dem Motto: Jetzt schaut mal und findet euch zurecht! Und dadurch, dass das Altenheim <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1320\" src=\"https:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2017\/09\/Omi-die-auch-in-der-K\u00fcche-mitgeholfen-hat-370x277.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"277\" \/>auch nicht direkt zur Fundaci\u00f3n Cristo Vive geh\u00f6rt, wussten die Angestellten auch nicht so wirklich, dass wir kommen. Wir waren zwei von vielen Freiwilligen. Es kommen ganz oft welche f\u00fcr einen Monat, zwei Wochen, einen Tag oder auch nur ein oder zwei Stunden. Also lief das gef\u00fchlt nach dem Motto: Oh, schon wieder solche Freiwillige. Die kommen und<br \/>\ngehen doch eh, wann sie grade Lust haben. Warum sollten wir denen gro\u00df zeigen, wie das alles hier so l\u00e4uft, die sind doch eh in ein paar Wochen wieder weg. Als sich dann herumgesprochen hatte, dass wir echt f\u00fcr ein Jahr hier sind und jeden Tag den ganzen Tag da sind, wurde es immer besser. Nach und nach hat man den ganzen Ablauf gezeigt und seine eigenen Aufgaben \u00fcbertragen bekommen.<\/p>\n<p>Die Stimmung ging bergauf. Wir haben bei den allt\u00e4glichen Aufgaben geholfen: Aufstehen und Anziehen, F\u00fcttern, sie nach drau\u00dfen an ihren Lieblingsplatz bringen, beim Toilettengang helfen, W\u00e4sche machen, den Essensraum wieder sauber machen, ins Bett bringen, sie in die Physiotherapie bringen, bei Bewegungs\u00fcbungen und Massagen mithelfen, mit ihnen Ball spielen, einfach unterhalten, sie bespa\u00dfen etc. Man hat alle Omis und Opis nach und nach besser kennengelernt. Bis dann f\u00fcr mich pers\u00f6nlich der November meine Stimmung wieder ganz sch\u00f6n nach unten gezogen hat. Wegen Mitarbeiterwechsel und Personalmangel wurde ich quasi zur Putzhilfe im wahrsten Sinne des Wortes abkommandiert. Ich kam zwar jeden Tag zur Arbeit, aber eher widerwillig.<\/p>\n<p>Zirka einen Monat sp\u00e4ter war das Personalproblem gel\u00f6st und es ging wieder steil bergauf: wesentlich mehr Zeit mit \u201emeinen&#8220; Omis und weniger Putzaufgaben. Das Verh\u00e4ltnis zu Opis und Omis und auch zu Kollegen wurde immer besser: Beim Arbeiten wurde Quatsch gemacht, sodass man sich vor Lachen nicht mehr eingekriegt hat, in der Freizeit wurde man zu Geburtstagen, Feiern, Ausfl\u00fcgen oder sogar zum Mittanzen in einer Tanzgruppe eingeladen. Langsam war ich nicht mehr nur mit Arbeiten und danach Ausruhen besch\u00e4ftigt, sondern<br \/>\nhabe auch die Kraft und Lust gefunden, danach noch etwas zu unternehmen. Mein neues Hobby ist Tischtennisspielen.<\/p>\n<p>Fast jeden Wochentag gab es einen lockeren Treffpunkt, zu dem man kommen konnte, wenn man Zeit und Lust hatte. Das war ein Angebot von Acupari, der Sprachschule, die wir zu Anfang besuchten. Die gibt nat\u00fcrlich f\u00fcr Ausl\u00e4nder Spanisch- und Quechua- Kurse, aber vor allem eben Deutschkurse f\u00fcr Peruaner. Beim Tischtennisspielen waren eigentlich nur Peruaner, die dort vor oder nach ihrem t\u00e4glichen Unterricht hingingen, wor\u00fcber ich ganz froh war. Es waren immer die gleichen, mit denen man sich dann angefreundet hat, nach dem Spielen noch im Zentrum unterwegs war oder sich einfach unterhalten hat. So habe ich dort meinen Freundeskreis gefunden.<\/p>\n<p>Allgemein ist hier alles wesentlich spontaner und entspannter. W\u00e4hrend man sich in Deutschland f\u00fcr drei Minuten Zusp\u00e4tkommen entschuldigt, war hier mein Rekord, \u00fcber eine Stunde auf mein <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1319\" src=\"https:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2017\/09\/Eva-auf-Machu-Picchu-370x278.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"278\" \/>Gegen\u00fcber zu warten. Gut, diese Seite von \u201ealles entspannter sehen\u201c, kann nat\u00fcrlich auf die Nerven gehen. W\u00e4hrend man in Deutschland lange im Voraus plant und sich seine \u201epasajes\u201c, also Fahrtickets f\u00fcr die Bahn, schon weit im Voraus f\u00fcr viel Geld besorgen muss, hat man hier eine Idee: \u201eHey, wie w\u00e4r&#8217;s, wenn wir \u00fcbers Wochenende da und da hinfahren w\u00fcrden? Sind auch nur acht Stunden Fahrt. Willst du mit?\u201c \u201eJa klar, dann fahren wir heute Abend los.\u201c Seine Bustickets kauft man bei l\u00e4ngeren \u00dcbernachtfahrten ein paar Stunden vorher, wenn es nur so vier Stunden Fahrt sind, geht man hin, zahlt ein paar Soles, steigt ein, wartet bis der Bus voll ist und es geht los. Keine Abfahrtszeiten oder im Voraus buchen.<\/p>\n<p>Das hat zu sehr spontanen Wochenendausfl\u00fcgen mit Freunden und ungeplanten Urlauben gef\u00fchrt, was viel sch\u00f6ner war. Simon, mein Kollege, und ich haben das mit den Ausfl\u00fcgen manchmal auf die Spitze getrieben: Eben mal Freitagabend nach Ayacucho fahren, ist ja nur 14 Stunden weit weg. Am Samstag fr\u00fch um 10 Uhr kommen wir dort an und m\u00fcssen am Sonntag um 14 Uhr wieder los, um Montag fr\u00fch um kurz vor 5 Uhr morgens, also rechtzeitig vor der Arbeit, in Cusco wieder anzukommen. Wir waren auch kaum m\u00fcde! Solche Aktionen kann man nur hier bringen, in Deutschland w\u00e4re das schon bus-\/bahnfahrtechnisch kaum m\u00f6glich. Die Fernbusverbindungen sind hier wesentlich besser. Da kann die Deutsche Bahn nicht mithalten. Andererseits braucht man allerdings f\u00fcr 30 Kilometer eine gute Stunde, weil es nicht ansatzweise so etwas wie Autobahnen gibt. Und der Verkehr l\u00e4uft sowieso nach dem Prinzip: Der Gr\u00f6\u00dfere und St\u00e4rkere oder der, der am lautesten hupt, hat Vorfahrt. Manchmal ist es das pure Chaos und jeder schl\u00e4ngelt sich irgendwie durch. Bin ich froh, dass ich nicht fahren muss. W\u00e4re sowieso komisch gewesen: Alle Autofahrerinnen, die ich das ganze Jahr \u00fcber gesehen habe, kann man an einer Hand abz\u00e4hlen (Lima jetzt mal nicht mitgez\u00e4hlt). Allgemein ist diese extrem traditionelle Denkweise und Aufgabenteilung schon heftig. Die Gesellschaft ist eine unglaubliche Macho-Gesellschaft. Die M\u00e4nner glauben, sie k\u00f6nnen sich gegen\u00fcber Frauen alles erlauben. Ein Taxifahrer hat mich einmal so offensiv angemacht, dass ich definitiv Angst hatte, nicht dort anzukommen, wo ich hinwollte. Da war ich im Auftrag des Altenheims mit drei blinden Omis und Opis zum Augenarzt unterwegs, die Nonne sa\u00df mit dem Rest leider im anderen Taxi. Naja, vielleicht h\u00e4tte ich mir eine Kr\u00fccke von den Opis zum Verpr\u00fcgeln ausleihen k\u00f6nnen. Und auch selbst im Altenheim musste man sich vor ein paar noch fitten Opis und Kollegen ziemlich in Acht nehmen. Wobei ich nat\u00fcrlich sagen muss, dass die gro\u00dfe Mehrzahl der Kollegen und Opis absolut in Ordnung war. Auch bei F\u00e4llen von h\u00e4uslicher Gewalt gegen Frauen steht Peru ziemlich weit oben. Von Nele und Marcia, die im Frauenhaus arbeiten, oder auch von einheimischen Kolleginnen habe ich mitbekommen, was hier als \u201enormal\u201c angesehen wird. Ein krasser Unterschied zu Deutschland.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1318\" src=\"https:\/\/www.schwaben-international.de\/schueleraustausch\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2017\/09\/Beim-Karneval-Eva-mit-Kollegin-beim-Tanzkurs-370x493.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"493\" \/>Ich sollte zur\u00fcckkommen zur Arbeit an sich: Wenn die anstehenden Aufgaben erledigt waren, habe ich mich wahnsinnig gerne in die semaner\u00edas (Gesundenstationen) verabschiedet, um mich mit den Frauen und M\u00e4nnern zu unterhalten. Die Gespr\u00e4che waren immer sehr sch\u00f6n, f\u00fcr beide Seiten.<br \/>\nSie hatten endlich mal wieder einen Gespr\u00e4chspartner und ich habe viele interessante Dinge erfahren: Von ihren fr\u00fcheren T\u00e4tigkeiten, vom Leben in den tiefsten l\u00e4ndlichen Regionen und von ihrem Leben allgemein.<\/p>\n<p>Mit anderen waren die Gespr\u00e4che auch nicht ganz so tiefsinnig und liefen teilweise in etwa so ab: \u201eApap\u00e1\u00e1\u00e1\u00e1\u00e1\u00b4!!!\u201c \u201eAy pap\u00e1\u2026\u201c \u201eApap\u00e1?\u201c \u201eA pap\u00e1!\u201c In der Krankenstation hat man sich einfach neben jemanden gesetzt, sich im Spa\u00df gegenseitig geschlagen, wor\u00fcber sich manche kaputt lachen konnten und womit sie sich stundenlang h\u00e4tten besch\u00e4ftigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So lustig es auch manchmal war, musste man nat\u00fcrlich auch leider oft mit ansehen, wie schnell es pl\u00f6tzlich bergab gehen kann mit einem Menschen, wie sie immer kr\u00e4nker und schw\u00e4cher werden. Und letztendlich sterben. Oder auch ganz pl\u00f6tzlich von einem Tag auf den n\u00e4chsten tot sind, obwohl<br \/>\nsie eigentlich noch topfit sind. Vor allem einmal gab es bei mir in der Krankenstation der Frauen eine Zeit, wo quasi eine nach der anderen gestorben ist. Das nimmt einen dann doch mit.<\/p>\n<p>Es war ein so unglaublich bereicherndes Jahr. Ich denke, einfach dadurch dass wir Freiwilligen mehr Zeit haben als die Mitarbeiter, konnten wir vielen Leuten eine kleine Freude bereiten, sie ein wenig aus diesem ewigen Nichtstun rausholen, ein bisschen ablenken. Nat\u00fcrlich haben wir nicht die Welt ver\u00e4ndert, aber im Kleinen ein paar Menschen etwas Freude geschenkt. Und nat\u00fcrlich habe auch ich selbst viel gelernt und mich vermutlich auch weiterentwickelt.<\/p>\n<p>Aber dazu kann ich, glaube ich, erst etwas sagen, wenn ich wieder in meinem \u201ealten\u201c Leben in Deutschland zur\u00fcck bin. Irgendwie verh\u00e4lt man sich hier einfach allgemein anders. Woran das genau liegt, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Ich will unbedingt zur\u00fcckkommen, eventuell auch noch Mal f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Zeitraum. Die ganzen Leute sind mir einfach so unheimlich ans Herz gewachsen: Omis und Opis, Kollegen und Freunde. Auch wenn ich etwas Bammel vor dem Abschied habe, freue ich mich wieder auf Deutschland. Auf meine Familie, Freunde, auf den n\u00e4chsten Neuanfang in einer neuen Stadt zum Studieren. Es bleibt weiterhin spannend.<\/p>\n<p>Das war also der Versuch meines Abschlussberichtes. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil des spannenden und eindrucksvollen Jahres enthalten. Trotzdem hoffe ich, dass ich einen kleinen Einblick in meine peruanische Welt geben konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva Carbonero Happel verbrachte als Freiwillige ein Jahr in einem Altenheim in Cusco\/ Peru. 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